"60 Jahre Boulevard" und ein knallhartes Interview in der "WELT"

Veröffentlicht auf von Kaufhausdetektiv

Vor 2 Stunden lag sie dann auch bei mir im Briefkasten - die Geburtstagsausgabe der Bild Zeitung .

Ich hatte kurz überlegt, bei dieser campact-Aktion mitzumachen und die Annahme zu verweigern. Dafür war ich dann aber doch zu bequem. Und außerdem zu neugierig auf diese Sonderausgabe. Auf der Titelseite ist Til Schweiger, der mit Dana ein Interview zu seiner Familie gibt. Schweiger kommt dabei wie immer in Bild als cooler Typ rüber. Warum überrascht mich das nicht? Weil Bild und Til Schweiger eine Freundschaft wie Winnetou und Old Shatterhand pflegen, seitdem Til Schweiger als Bild-Testimonial auftritt. Die anderen Artikel - zum Beispiel das Interview mit Gerhard Schröder oder "Hilfe - wir waren Bild-Schlagzeilen" - sind aber ziemlich gut.

Insgesamt kommt diese Bild Ausgabe mir vor, wie das "Wetten, dass-Sofa": Doppel-A Promis, denen ein paar Steilvorlagen gegeben werden, damit sie glänzen können. Dazu harmlose Kuriositäten. Familienfreundlich. Unterhaltsam und intelligent. Mit ein bisschen Selbstironie.

Jedenfalls kein Aufreger, den man zurück an Mathias Döpfner schicken muss.

Schlechter Journalismus sieht jedenfalls anders aus.

Und zwar wie?

Da hätte ich was anderes im Angebot. Zufälligerweise aus dem gleichen Verlag. Und zwar, das Interview mit Kai Diekmann, das heute in der "WELT" steht.

Okay, ich erwarte vom Verlags-Schwesternblatt keine übermäßig kritischen Fragen. Schließlich schreibt die WELT seit Jahrzehnten vor allem eines sehr verlässlich: und das sind rote Zahlen. Mit dem Räuberpistolenjournalismus der BILD finanziert Springer bekanntlich die Welt. Da würde ich als Interviewer auch nicht  den Michel Friedmann raushängen lassen.

Aber muss man gleich auf einer vierspurigen Schleimspur durch das Interview rutschen? Können Fragen noch ehrerbietiger sein als zum Beispiel:

Will Smith, Justin Bieber, Jon Bon Jovi. Wie ist das, wenn man sich in dieser Liga bewegt?

Und muss man Stichworte geben wie

"Bild will auch unterhalten" /  "Man hat Ihre Talente früh erkannt." / "Früher hatte der "Spiegel" die Meinungsführerschaft, heute Bild."

Lest Euch das Interview durch, bildet Euch eure Meinung zur Welt und sagt mir, wie Ihr es seht.

Ich jedenfalls mache mir in Zukunft weniger Sorgen um den deutschen Boulevardjournalismus. Sondern eher über Zeitungen, die "Journalismus für einen rastlosen Planeten" machen wollen und dabei schleimige Interviews führen, die Sie dann über eine Gratis-App verschleudern. Ja, stimmt, Gratis-App. Die App der Welt bekommt man für 30 Tage gratis angeboten. Und wenn diese 30 Tage abgelaufen sind, bekommt man sie gleich nochmal gratis angeboten. Und dann nochmal. Bild zahlt ja.

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